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Nachhaltiges Erinnern – Stolpersteine für Heinrich Heuberger und Amalie Mathilde Reif

Ein bewegender Tag. Heute erhielten Heinrich Heuberger und Amalie Mathilde Reif, die in der NS-Zeit ermordet wurden, ihre Stolpersteine in der Sickstraße 18 und 55 in Stuttgart-Ost. Es war sehr ergreifend, ihre Lebensgeschichte mit vielen berührenden Beiträgen von offizieller Seite, Vertretern unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften, zahlreichen SchülerInnen und der Musik von Susanne Courtin zu hören. Der Initiator der Stolpersteine, der Künstler Gunter Demnig, führte heute persönlich die von der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost organisierte Verlegung durch.

Im vergangenen Jahr haben wir uns entschieden, statt Weihnachtskarten und Geschenken die Kosten für die Verlegung der Stolpersteine und die Putzpatenschaft zu übernehmen. Wir sind sehr dankbar, dass wir auf diese Weise dazu beitragen können, dass die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht vergessen werden. Herzlichen Dank an Frau Gudrun Greth von der Stolperstein-Initiative Stuttgart für die vielen interessanten und guten Gespräche in den letzten Monaten.

Es tut mir leid, ich kann nicht erkennen, wer auf diesem Bild ist.

Heinrich Heuberger wurde am 17. August 1894 in Stuttgart geboren. Seine Eltern Emilie Marie Heuberger, geb. Rieber, und Ludwig Heuberger, Retuscheur, hatten insgesamt neun Kinder, von denen fünf in der Kindheit starben. Ein weiterer Bruder Heinrichs verlor als Soldat im Ersten Weltkrieg das Gehör und beging Suizid. Heinrich Heuberger der im 1. Weltkrieg eingezogen wurde, blieb unverwundet, er erhielt als Gefreiter die Verdienstmedaille und das Eiserne Kreuz II. Klasse.  Nach dem Besuch der Volksschule in Stuttgart absolvierte Heinrich Heuberger die Handelsschule und eine kaufmännische Lehre im Telegrafenbüro Wolf, wo er dann noch bis 1926 arbeitete. In guter Ehe lebte er seit 1920 mit seiner Frau Isolde, geb. Kagerbauer, Tochter Sigrid wurde 1929 geboren.

Als der Bankbeamte bei der Diskontogesellschaft „Stahl & Federer“ 1927 einem Anlagebetrüger aufsaß und gegen Abfindung gekündigt wurde, wurde er schwer krank: Nach dem Gurgeln mit Chinesol zur Grippeprävention wurde er blau am ganzen Körper, die Finger- und Fußnägel fielen aus.  Ab 1928 arbeitete Heinrich Heuberger bei der Bausparkasse in Wüstenrot und ab 1930 in Ludwigsburg. 1932 lehnte er es ab, dass sein Hausarzt Dr. Karl Berner ihn wegen einer fiebrigen Erkältung krankschrieb, er geriet in einen psychischen Ausnahmezustand, der ihn ins Bürgerhospital brachte. Entmündigt wurde er von dort in die „Heilanstalt“ Winnental überstellt.

Am 3. Juni 1940 wurde der 45-Jährige Heinrich Heuberger in die NS-Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen verbracht, wo er gleich nach der Ankunft ermordet wurde.

Ältere Frau lächelt, liest ein Buch, trägt ein gemustertes Kleid und eine Halskette. Schwarz-Weiß.

Amalie Mathilde Reif wurde am 10. Oktober 1867 als zweitjüngstes von sieben Kindern in Hollenbach geboren. Sie lebte bis 1941 unverheiratet in ihrem eigenen Haus mit Hof und Gemüsegarten in der Sickstraße 55 in Stuttgart-Ost, bis 1939 mit ihrer nicht-jüdischen Haushälterin Hanna. In den 1930er Jahren wurde sie in den Schulferien von ihren Nichten und Neffen aus Creglingen besucht. Ihr „Lieblingsneffe“ Alfred wohnte während seiner Stuttgarter Schulzeit bei ihr.

Um vor den Judenverfolgungen des NS-Regimes zu fliehen und gemeinsam mit ihrer Schwester Lina Gutmann, geb. Reif, in die USA auszuwandern, musste Amalie das Haus im April 1941 zu weniger als einem Viertel des Schätzpreises verkaufen.  Zu der geplanten Ausreise sollte es nie kommen: 1942 wurde Amalie in ein Zwangsaltersheim in Dellmensingen umgesiedelt. Dies war ein Sammellager, in das von Februar bis August 1942 insgesamt 128 Juden und Jüdinnen – zumeist aus Stuttgart – gebracht wurden, bevor es aufgelöst und die BewohnerInnen zurück nach Stuttgart gebracht wurden ins Sammellager Killesberg, wo sie ihr letztes Gepäck abgeben und sogar für den Transport bezahlen mussten. Zu Fuß vom Killesberg an den Nordbahnhof getrieben wurden die alten Menschen am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert.

In einer letzten Meldung ist zu lesen, dass Amalie Reif von Theresienstadt aus am 26. September 1942 „nach Osten zur Vergasung“ gebracht wurde. Vier Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs wurde Amalie Mathilde Reif schließlich für tot erklärt. Ihre Schwester Lina starb am 7. Januar 1943 im KZ Theresienstadt. Die meisten von Amalie Reifs Nichten und Neffen konnte in die USA oder nach Palästina/Israel auswandern, wo mehrere ihrer Angehörigen heute noch leben.

Projektgruppe der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost: Gudrun Greth, Walter Geisse, Sophie Heinig, Vincenzo Paladino, Karl-Heinz Greth
Musik: Susanne Courtin, Geige
Biografien: Sophie Heinig
Grußworte und kulturelle Beiträge:
Armin Serwani, Bezirksvorsteher Stuttgart-Ost
Susanne Jakubowski, Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg
Pfarrer Josef Laupheimer, leitender Pfarrer der katholischen Gesamtkirchengemeinde S-Ost
Albrecht Hoch, Evangelische Friedenskirchengemeinde S-Ost
SchülerInnen des Zeppelingymnasium Stuttgart mit Fr. Kleinmann
SchülerInnen des Salier-Gymnasiums Waiblingen
SchülerInnen der Neckar-Fils-Realschule Plochingen  
Unterstützung Recherche: Christa Linkenheil-Achouche und Elke Martin

Anlässlich der Stolperstein-Verlegung erscheinen im Podcast gedenkworte Beiträge zu Heinrich Heuberger und zu Amalie Mathilde Reif, in dankenswerter Kooperation mit der Akademie für gesprochenes Wort Stuttgart /Uta Kutter Stiftung.

www.stolpersteine-stuttgart-ost.de

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